Über das Träumen lernen
REM-Schlaf und Träume
Wer vom „Traumschlaf“ spricht, meint meist den REM-Schlaf – benannt nach den schnellen Augenbewegungen, englisch rapid eye movements. Entdeckt wurde er 1953 in Chicago: Eugene Aserinsky und Nathaniel Kleitman sahen, dass die Augen Schlafender unter den Lidern in regelmäßigen Schüben hin und her huschten, und wer in diesen Phasen geweckt wurde, erzählte fast immer einen Traum. Seitdem ist der REM-Schlaf der am besten vermessene Zugang zum träumenden Geist, wenn auch nicht der einzige.
Wer die Phase versteht, liest seine Nächte anders. Sie erklärt, warum ausgerechnet der Traum kurz vor dem Wecker hängen bleibt, warum nach einer Woche mit zu wenig Schlaf plötzlich wilde Geschichten kommen und warum sich der Körper beim Aufwachen manchmal nicht rührt. Hier geht es um die Physiologie; die Theorien stehen unter Warum wir träumen, die Methode fürs Lesen der Handlung unter Träume deuten.
Eine Nacht in Zyklen
Schlaf ist kein gleichförmiger Block. Das Gehirn durchläuft Zyklen aus leichtem Schlaf, Tiefschlaf mit langsamen Wellen und REM-Schlaf; ein Zyklus dauert rund 90 Minuten, in der Praxis irgendwo zwischen 70 und 120. Erwachsene schaffen pro Nacht meist vier bis sechs davon. Die erste REM-Phase beginnt oft erst nach einer Stunde oder später und ist nur wenige Minuten lang. Im Laufe der Nacht schrumpft der Tiefschlaf, die REM-Phasen werden länger – im letzten Drittel wohnen die ausführlichsten, handlungsreichsten Träume.
Das hat Folgen. Wer fünf statt acht Stunden schläft, verliert überproportional viel REM-Schlaf, weil genau die langen Morgenphasen wegfallen. Und wer am Ende einer REM-Phase von selbst aufwacht, erinnert sich weit eher an eine Geschichte als jemand, den der Wecker aus dem Tiefschlaf reißt. Der Leitfaden Träume erinnern baut genau auf diesem Rhythmus auf.
Waches Gehirn, stillgelegter Körper
Im EEG sieht REM-Schlaf dem Wachzustand verblüffend ähnlich. Bildgebende Studien zeigen starke Aktivität in visuellen und emotionalen Arealen, auch in der Amygdala, während Teile des präfrontalen Kortex, die planen und Plausibilität prüfen, eher ruhen. Der Botenstoff Noradrenalin, eng mit Stress verbunden, fällt auf seinen Tagestiefstand. Heraus kommen lebhafte Bilder, starke Gefühle und ein Erzähler, der kaum je fragt, ob das alles Sinn ergibt.
Der Körper bleibt dabei still. Schaltkreise im Hirnstamm nehmen fast der gesamten Skelettmuskulatur die Spannung – Fachleute sprechen von Atonie –, nur Augen und Atemmuskeln arbeiten weiter. Deshalb rennst du nicht los, wenn du im Traum rennst. Hält die Atonie ins Erwachen hinein an, entsteht eine Schlafparalyse; versagt sie während des REM-Schlafs, setzen Menschen ihre Träume in Bewegung um – mehr dazu unter Schlafwandeln und Sprechen im Schlaf.
Träumen wir auch außerhalb des REM-Schlafs?
Ja. Weckt man Menschen aus dem REM-Schlaf, berichten die meisten einen Traum – aber auch aus dem Non-REM-Schlaf kommt ein beträchtlicher Teil mit Traumberichten zurück. Diese Träume sind meist kürzer, gedankenähnlicher und weniger gefühlsgeladen: eine kreisende Sorge, eine Liste, ein einzelnes Bild. In den frühen Morgenstunden können auch Non-REM-Träume fast so lebhaft werden, weshalb die Forschung „REM“ und „Träumen“ nicht mehr gleichsetzt.
Wichtig wird der Unterschied, wenn die Nacht Angst macht. Ein Nachtschreck kommt aus dem Tiefschlaf und hinterlässt meist keine Geschichte. Ein Albtraum ist in der Regel ein REM-Ereignis, das dich mit einer erzählbaren Handlung weckt. Für beide braucht es eine andere Reaktion – beim Kind wie beim Erwachsenen.
Wie lange dauert ein Traum?
Hartnäckig hält sich die Vorstellung, Träume liefen in wenigen Sekunden ab. Die Befunde sprechen dagegen. Schon in frühen Schlaflaboren berichteten Menschen nach längeren REM-Phasen längere Träume. Später vereinbarte man mit Klarträumern Augensignale, die sie aus dem Traum heraus geben konnten – und stellte fest, dass Zählen oder einfache Handlungen im Traum ungefähr so lange dauern wie im Wachen, manchmal etwas länger. Verdichtet wird der Traum beim Erzählen, nicht unbedingt beim Erleben.
Über dieselben Augensignale ließ sich auch belegen, dass Klarträume in echtem REM-Schlaf stattfinden und nicht in kurzen Wachmomenten. In neueren Experimenten beantworteten einige Klarträumer sogar einfache Fragen aus dem Labor per Augenbewegung – eine kleine, aber echte Leitung zum schlafenden Geist.
REM-Rebound: wenn die Nächte laut werden
Wird REM-Schlaf verkürzt – durch zu kurze Nächte, Alkohol, Jetlag oder bestimmte Medikamente –, holt das Gehirn ihn später oft mit längeren, dichteren Phasen nach. Viele erleben diesen Rebound als plötzliche Welle lebhafter Träume, manchmal verstörender. Typisch ist das nach einem feuchtfröhlichen Abend, nach dem Absetzen von Cannabis oder bestimmten Antidepressiva; Einzelheiten stehen unter Medikamente und Träume.
Dieses Wissen hilft, bevor man nach Bedeutung sucht. Eine bizarre Handlung in einer Nachholwoche kann schlicht verkleidete Physiologie sein. Einen Satz im Traumtagebuch ist sie trotzdem wert – welches Gefühl hat die Nacht gewählt? –, doch die Intensität selbst erzählt oft mehr über Schlafdruck als über eine Botschaft.
Andere fragen auch
Wie viel der Nacht ist REM-Schlaf?+
Bei gesunden Erwachsenen etwa ein Fünftel bis ein Viertel des gesamten Schlafs, vor allem in der zweiten Nachthälfte. Neugeborene verbringen weit mehr Zeit im entsprechenden aktiven Schlaf.
Träume ich jede Nacht?+
So gut wie sicher. Wer normal schläft, durchläuft mehrmals pro Nacht REM-Phasen. Wer meint, nie zu träumen, erinnert sich meist nur nicht – das hängt davon ab, wie und wann man aufwacht.
Warum kann ich mich nach einem Traum nicht bewegen?+
Die REM-Atonie, die dich im Traum stillhält, kann sich kurz mit dem Wachbewusstsein überschneiden. Das ist eine Schlafparalyse: beängstigend, aber meist harmlos und nach Sekunden bis wenigen Minuten vorbei.
Ist REM die wichtigste Schlafphase?+
Keine Phase gewinnt allein. Tiefschlaf trägt viel zur körperlichen Erholung und Gedächtnisfestigung bei, REM-Schlaf hängt mit emotionaler Verarbeitung und bestimmten Lernformen zusammen. Eine gute Nacht braucht den ganzen Zyklus, mehrfach.
Wie bekomme ich mehr REM-Schlaf?+
Am verlässlichsten: lang genug und zu regelmäßigen Zeiten schlafen, denn REM-Schlaf ballt sich am Morgen. Weniger Alkohol am Abend hilft ebenfalls. Medikamente nur in Absprache mit der verschreibenden Ärztin oder dem Arzt ändern.
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